Europa → Wayuu

Ein Besuch der Schule in Alainawao (La Guajira, Kolumbien)

Ein Besuch der Schule in Alainawao (La Guajira, Kolumbien)

Nach unserem ersten Besuch in der Ranchería Souluguamana am 9. März 2022 führte uns unsere Reise am darauffolgenden Tag nach Alainawao. Wie bereits im ersten Bericht beschrieben, hatten wir während unserer Zeit in La Guajira die Möglichkeit, tiefere Einblicke in den Alltag und die Lebensrealität der Wayúu-Gemeinschaft zu gewinnen. In diesem zweiten Bericht möchten wir unsere Eindrücke aus Alainawao schildern – insbesondere einige Beobachtungen sowie ein zentrales Spannungsfeld, das uns vor Ort begegnet ist.

Begrüßung und erste Eindrücke

An der Schule angekommen, wurden wir herzlich von der Lehrerin Maricela und den 34 anwesenden Kindern empfangen – insgesamt besuchen rund 40 Kinder die Schule. Anders als in Souluguamana gab es diesmal auf unseren Wunsch hin keine Tanzvorführung zur Begrüßung. Unser Ziel war es, einen möglichst authentischen Einblick in den Schulalltag zu erhalten – doch das erwies sich als herausfordernd. Unsere weite Anreise und die mitgebrachte Kameraausrüstung, darunter auch eine Drohne, rückten uns zwangsläufig in den Mittelpunkt. Daher entschieden wir uns schnell, die Kinder aktiv einzubeziehen: Wir ließen sie die Fotokamera und die GoPro selbst ausprobieren. Die Kinder hatten große Freude daran, zu fotografieren und zu filmen. Dabei fiel uns besonders ihr ausgeprägtes Gespür für Bildkomposition auf. Noch beeindruckender war, wie selbstverständlich und spielerisch sie mit der Kamera umgingen, sobald sie selbst die Kontrolle hatten. Ihre Bewegungen wirkten natürlicher, ihre Perspektiven eigenständiger. Es entstand der Eindruck eines intuitiven Verständnisses für visuelle Gestaltung – auch ohne umfangreiche Vorerfahrung mit digitalen Kameras. Diese Beobachtungen waren für uns besonders aufschlussreich, da wir der Frage nachgehen wollten, ob und wie digitale Medien zur Selbstrepräsentation indigener Gemeinschaften beitragen können. Wie lassen sich eigene Perspektiven sichtbar machen? Welche Rolle können audiovisuelle Mittel dabei spielen? Die Offenheit und der intuitive Umgang der Kinder mit der Technik deuteten zumindest auf ein großes kreatives Potenzial hin. Während der Pause wurden auf dem Schulhof vier Pylonen als improvisierte Tore aufgestellt, und schnell entwickelte sich ein Fußballspiel. Die Kinder spielten barfuß, in Crocs oder mit einzelnen Turnschuhen. Im Anschluss ging es zurück ins Klassenzimmer, sodass wir schließlich doch noch einen Einblick in einen Schulalltag bekamen, der nicht vollständig durch unsere Anwesenheit geprägt war.

Tradition und Bildung – Das Encierro-Ritual

Ein weiteres zentrales Thema unseres Besuchs war das Encierro-Ritual, das in der Wayúu-Gemeinschaft eine bedeutende Rolle spielt. Dieses jahrhundertealte Initiationsritual markiert den Übergang eines Mädchens zur Frau und beginnt mit der ersten Menstruation. Traditionell kann das Encierro zwischen einem und fünf Jahren dauern. In dieser Zeit lebt das Mädchen zurückgezogen und steht vor allem im Austausch mit ausgewählten Frauen – meist ihrer Mutter und Großmutter. Während dieser Phase erlernt sie essenzielle Fähigkeiten für ihr Leben innerhalb der Gemeinschaft. Dazu gehört insbesondere die Webkunst (Susu), die zu den wichtigsten kulturellen Praktiken der Wayúu zählt. Die Mädchen lernen, Hängematten (chinchorros) und Taschen (mochilas) herzustellen – nicht nur als Gebrauchsgegenstände, sondern auch als Ausdruck kultureller Identität und als wirtschaftliche Grundlage. Darüber hinaus werden Kenntnisse in Haushaltsführung, Kochen sowie im Umgang mit Heilpflanzen vermittelt. Ebenso zentral ist die Weitergabe sozialer und moralischer Werte. Da Wayúu-Frauen oft eine zentrale Rolle in der Vermittlung von familiären Konflikten übernehmen, werden sie während des Encierro auch in Kommunikation und Konfliktlösung geschult. Auch die spirituelle Dimension spielt eine wichtige Rolle, etwa im Umgang mit Träumen und der Verbindung zu den Vorfahren. Die Wayúu sind eine matrilineare Gesellschaft, in der Abstammung und Zugehörigkeit über die mütterliche Linie bestimmt werden. Frauen tragen somit eine zentrale Verantwortung für die Weitergabe von Identität und kulturellem Wissen. Nicht-Wayúu werden als „Alijuna“ bezeichnet. Im Gespräch mit Maricela wurde deutlich, dass das Encierro heute häufig in verkürzter Form praktiziert wird. Viele Eltern nehmen ihre Töchter nur für etwa einen Monat aus der Schule, anstatt die traditionelle Dauer einzuhalten. Maricela selbst wäre offen dafür, eine längere Encierro-Phase zu unterstützen, doch die Eltern entschieden sich bereits für die Dauer ohne vorherige Absprache mit ihr. Diese Entwicklung verdeutlicht ein Spannungsfeld: Einerseits ermöglicht die Verkürzung den Mädchen eine kontinuierlichere schulische Bildung. Andererseits geht ein Teil des über Generationen mündlich weitergegebenen Wissens verloren. Hinzu kommt die grundlegende Frage, wie traditionelles Wissen im Kontext eines westlich geprägten Bildungssystems bestehen kann. Während schulische Bildung meist auf schriftlicher Vermittlung basiert, erfolgt das Lernen im Encierro durch Erfahrung, Beobachtung und mündliche Weitergabe. Diese Unterschiede spiegeln auch die Nachwirkungen kolonialer Strukturen wider, in denen indigenes Wissen häufig nicht als gleichwertig anerkannt wird. Gleichzeitig werden innerhalb der Gemeinschaft auch Rollenbilder neu verhandelt. Einige sehen im Encierro ein überholtes Konzept, während andere – auch junge Wayúu-Frauen – versuchen, das Ritual in veränderter Form weiterzuführen und mit modernen Lebensrealitäten zu verbinden. Der zunehmende Einfluss globaler Entwicklungen verstärkt diesen Wandel. Globalisierung, soziale Medien und moderne Lebensstile verändern auch die Vorstellungen innerhalb der Wayúu-Gemeinschaft. Traditionen geraten unter Druck, gleichzeitig wächst das Bewusstsein für ihre Bedeutung. Viele Wayúu setzen sich aktiv dafür ein, ihre kulturelle Identität zu bewahren und neue Wege zu finden, sie in die Gegenwart zu übertragen. Das Encierro steht damit exemplarisch für die Herausforderungen indigener Gemeinschaften im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Unser Gespräch mit Maricela machte deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt – und dass diese Aushandlungsprozesse innerhalb der Gemeinschaft selbst stattfinden müssen. Mehr zum Thema Encierro – aus der Perspektive einer jungen Wayuu-Frau – findet ihr auch hier.

Fazit

Kurz vor unserem Abschied erzählte uns Maricela, dass sie sich für die Kinder Schuluniformen wünscht. Ein 13-jähriger Junge hingegen äußerte einen anderen Wunsch: einen Fußballplatz. Diese beiden Perspektiven – praktische Ausstattung für den Schulalltag und ein Raum zum Spielen – verdeutlichen auf einfache Weise die Lebensrealität vor Ort und die Bedürfnisse der Kinder. Mit diesen Eindrücken verließen wir die Schule – dankbar für die Offenheit, mit der wir empfangen wurden, und für die Gespräche, die uns tiefe Einblicke ermöglicht haben. Wir hoffen, dass sich für die Kinder sowohl im schulischen als auch im alltäglichen Umfeld neue Möglichkeiten eröffnen. Ein großes Dankeschön gilt Felix Montiel, Beate Busch sowie der NL Rheinland-Ruhr für ihren Einsatz zur Verbesserung der Bildungsbedingungen durch den Bau neuer Schulen. Hier geht es zum Schulbau-Projekt des Deutsch-Kolumbianischen Freundeskreises.

28. Juni 2026 Europa → Wayuu

Das könnte auch interessant sein ...